Start Vereine Energie Cottbus Nach dem Topspiel gegen Verl: Wollitz warnt vor dem Verlust der Ballkünstler

Nach dem Topspiel gegen Verl: Wollitz warnt vor dem Verlust der Ballkünstler

Claus-Dieter Wollitz ist keiner, der nach einem 0:0 einfach zur Tagesordnung übergeht. Nach dem torlosen Spitzenspiel seines FC Energie Cottbus gegen den SC Verl nutzte der Kultcoach die TV-Bühne, um grundsätzlich über den Zustand des modernen Fußballs zu sprechen. Es ging um Ausbildung, Scouting und um eine Frage, die viele Fans umtreibt: Geht dem Spiel gerade das Kreative verloren?

Ein Topspiel ohne Tore und mit viel Stoff für Debatten

Auf dem Papier war alles angerichtet: Zwei der gefährlichsten Offensivreihen der 3. Liga, ein Duell mit Signalwirkung, dazu ein Gegner mit Selbstvertrauen. Am Ende stand jedoch eine Nullnummer, die weniger wegen des Ergebnisses auffiel, sondern wegen der Diskussionen, die sie nach sich zog. Bei „MagentaSpor“t stand Wollitz nach Abpfiff neben Berkan Taz, Verls auffälligstem Angreifer und einst von ihm in Cottbus betreut. Für Wollitz ist das Leistungsvermögen des Offensivmanns klar: „Für mich ist er ein Spieler, der mindestens 2. Liga spielen sollte.“

Wollitz’ Grundsatzkritik: zu viel gegen den Ball, zu wenig fürs Spiel

Für Wollitz hat sich der Blick vieler Klubs verschoben, weg vom Spiel mit dem Ball, hin zu dem, was sich in Daten und Laufwerten ausdrücken lässt. Er kritisierte, dass im Scouting oft vor allem die „Maschinen“ gesucht würden, also Spieler, die über Intensität, Tempo und Zweikampfhärte kommen. Dabei stellte er eine Frage, die eher an die Fans als an die Analysten gerichtet war: Wer lasse sich eigentlich von solchen Profilen wirklich ins Stadion ziehen?

Aus seiner Sicht gehe in diesem Denken etwas verloren, weil die kreativen, technisch feinen Fußballer zu wenig Rückendeckung bekämen. Gerade wenn sie in riskanten Situationen Lösungen suchen und es schiefgeht, würden sie schnell zum Thema, nicht auf dem Platz, sondern in den Nachbesprechungen. Wollitz beschrieb, dass sie in Video-Sitzungen dann regelrecht „zerlegt“ würden, statt sie zu schützen und ihre Qualitäten zu fördern.

Straßenkicker gegen Systemfußball: Eine Frage, die hängen bleibt

Zwischen den Zeilen klang bei Wollitz eine Sorge mit, die viele Trainer und Fans beschäftigt: Wenn der Profifußball immer stärker nach Messwerten, Laufstärke und klaren Abläufen sortiert wird, könnten genau die Straßenkicker und Instinktspieler seltener werden, die ein Spiel mit einer Idee aus dem Nichts kippen. Dabei ließ er keinen Zweifel daran, dass ohne körperliche Basis heute nichts mehr geht. „Athletik ist heute sehr wichtig“, machte er deutlich, schob aber sofort hinterher, dass diese Entwicklung nicht zur Fessel werden dürfe.

Für die besonderen Spielertypen, die sich über Technik, Mut und Improvisation definieren, brauche es Vertrauen. Er habe solchen Spielern bewusst „volle Freiheiten“ gegeben und sie „jegliche Unterstützung“ spüren lassen, weil sie eben Dinge können, die man nicht in Pläne pressen kann. Genau daraus entsteht die bekannte Grundsatzdebatte: Wie viel Struktur braucht ein Team, ohne dass Kreativität und Spielwitz auf der Strecke bleiben?

Das Spiel als Beispiel: Verl dominant, Cottbus abwartend

Auch der Spielverlauf selbst lieferte das passende Anschauungsmaterial für Wollitz’ Grundsatzgedanken. Verl diktierte über weite Strecken den Rhythmus, hatte deutlich mehr Ballkontrolle und wirkte im Aufbau geduldig und strukturiert. Cottbus wählte dagegen einen bewusst pragmatischen Ansatz: kompakt stehen, die Räume eng halten, tief verteidigen und auf genau jene Situationen lauern, in denen ein schneller Umschaltmoment reicht, um gefährlich zu werden.

Ganz zufrieden war Wollitz damit dennoch nicht. Er lobte, dass seine Mannschaft hinten drin „überzeugt“ wirkte, also konsequent und konzentriert gegen den Ball arbeitete. Nach vorne fehlte ihm jedoch der letzte Nachdruck. Dort habe es, wie er es formulierte, am „Punch“ gemangelt, ebenso an Mut, Geschlossenheit und der nötigen Ruhe im entscheidenden Moment.

Chancen waren da und ausgerechnet die Spielmacher hatten sie

Trotz des 0:0 gab es Szenen, die ein anderes Ende möglich gemacht hätten, gerade durch die Spieler, die für das „Feine“ stehen. Cottbus-Spielmacher Tolcay Cigerci vergab freistehend, auch weil der Rasen im entscheidenden Moment tückisch wurde und der Ball unglücklich versprang. Wollitz kommentierte das ärgerlich und zugleich typisch schnoddrig: „Tolcay macht den sonst manchmal im Schlaf.“

Auf der anderen Seite versuchte es Taz gleich mehrfach, unter anderem aus der Distanz, doch Cottbus-Keeper Marius Funk blieb stabil und entschärfte die gefährlichen Abschlüsse.

Tabellenplatz verloren und trotzdem ein Zeichen gesetzt

Unterm Strich blieb für Energie Cottbus mehr als nur ein Punkt. Auch wenn das Team in der Tabelle einen Platz einbüßte, wirkte der Auftritt reif und taktisch klar. Zudem bleibt ein Fakt bestehen: Cottbus ist im neuen Jahr weiterhin ohne Niederlage und genau diese Mischung aus Stabilität und Anspruch dürfte Wollitz als Basis sehen, auf der er mehr Offensive einfordert. Am Ende war es ein Abend, an dem nicht die Tore die Geschichte schrieben, sondern die Worte danach. Und Wollitz hat es erneut geschafft, aus einem Ergebnis ohne Highlights eine Debatte mit Sprengkraft zu machen.

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