Start Uncategorized „Eure Uhr tickt“: Ultras kündigen wochenlange Proteste an

„Eure Uhr tickt“: Ultras kündigen wochenlange Proteste an

Foto: Axel Kammerer

Der Streit um den Aufstieg aus der Regionalliga ist endgültig zu einer Vertrauensfrage für den deutschen Fußball geworden. Was jahrelang vor allem in Sitzungen, Arbeitsgruppen und Verbandsgremien verhandelt wurde, tragen Vereine und Fans nun geschlossen in die Öffentlichkeit. Die Botschaft ist unmissverständlich: Das bestehende System wird nicht mehr nur kritisiert, sondern grundsätzlich infrage gestellt.

Verbände verlieren die Deutungshoheit

Fünf Regionalligen, aber nur vier Plätze in der 3. Liga: An diesem Widerspruch entzündet sich seit Jahren der Frust unterhalb des Profifußballs. Neu ist nicht das Problem, sondern die Wucht, mit der es inzwischen thematisiert wird. Zum Saisonauftakt der Regionalliga Nordost beteiligten sich alle 18 Vereine an einer abgestimmten Protestaktion. In sämtlichen neun Stadien wurde der Spielbetrieb kurzzeitig unterbrochen. Die Stadionsprecher erläuterten den Zuschauern die Hintergründe, während auf den Anzeigetafeln auf die aus Sicht der Klubs weiterhin ungelöste Aufstiegsfrage hingewiesen wurde.

Damit ist aus einem strukturellen Konflikt ein öffentlich sichtbarer Widerstand geworden. Der Applaus auf den Tribünen zeigte zudem, dass die Kritik längst nicht nur aus den aktiven Fanszenen kommt.

Ultras machen aus der Reformfrage eine Personaldebatte

Bundesweit haben sich mindestens 47 Ultra-Gruppen positioniert. Dazu zählen unter anderem Anhänger des FC Bayern München, des Hamburger SV und des 1. FC Union Berlin. In ihrem gemeinsamen Schreiben werfen sie den Verantwortlichen vor, Reformbereitschaft lediglich vorgetäuscht und das Vertrauen der Vereine verspielt zu haben. Die Kritik richtet sich nicht mehr abstrakt gegen „den Verband“, sondern gezielt gegen führende Funktionäre. Genannt werden Peter Frymuth, Ralph-Uwe Schaffert und Christoph Kern, die zugleich in ihren Regionalverbänden und im DFB einflussreiche Positionen einnehmen.

In mehreren Stadien wurden sie auf Spruchbändern direkt adressiert. In Erfurt sowie bei Anhängern von Lok Leipzig, Carl Zeiss Jena und dem FSV Zwickau war zu lesen, dies werde ihre „letzte Saison“. Die Fans des Halleschen FC formulierten es noch knapper: „Eure Uhr tickt!“ Auch die Südkurve des FC Bayern griff das Thema auf. Beim Spiel der zweiten Mannschaft zeigte sie eine groß angelegte Choreografie, in der Christoph Kern symbolisch die Richtung des Kompassmodells verändert. Der Protest verbindet damit Sachkritik und persönliche Verantwortungszuweisung.

Zwei Modelle, aber kein politischer Durchbruch

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die künftige Struktur der vierten Spielklasse. Das sogenannte Kompassmodell sieht nur noch vier Regionalligen vor. Damit könnte jeder Meister direkt in die 3. Liga aufsteigen. Für dieses Konzept gab es deutschlandweit eine Mehrheit. Durchsetzen ließ es sich dennoch nicht, weil die Zustimmung nicht in allen Regionen vorhanden war. Zusätzlich verschärfte sich der Ärger, nachdem die zuvor ausgehandelte Variante unmittelbar vor der Abstimmung verändert worden sein soll. Acht vorgesehene Plätze fielen weg.

Die Gegner des Modells wollen an den fünf Regionalligen festhalten. Ihr Vorschlag: Die 3. Liga wird auf 22 Mannschaften vergrößert und nimmt künftig fünf Aufsteiger auf. Unterstützt wird diese Linie vor allem von den Regionalverbänden. Die DFB-Spitze um Bernd Neuendorf und auch DFL-Chef Hans-Joachim Watzke favorisieren dagegen weiterhin eine viergleisige Lösung. Der Konflikt ist deshalb längst mehr als eine Formatfrage. Er berührt Machtverhältnisse, Zuständigkeiten und Einfluss innerhalb des DFB.

Besonders großer Druck auf den NOFV

Im Nordosten fällt die Kritik besonders deutlich aus. Der NOFV könnte einen Antrag zur Einführung des Kompassmodells im DFB-Vorstand einbringen, hat diesen Schritt bislang aber nicht vollzogen. Für viele Klubs ist das kaum nachvollziehbar. Gerade Mannschaften aus dem Nordosten mussten in der Vergangenheit trotz Meisterschaft in Aufstiegsspiele oder scheiterten dort. Lok Leipzig wurde bereits dreimal Regionalliga-Meister, ohne anschließend in der 3. Liga zu spielen.

Die Fans reagierten beim Sieg in Luckenwalde mit einer symbolischen Aktion. Kleine Siegerpokale flogen auf den Rasen, als Hinweis darauf, wie wenig ein Titel aus ihrer Sicht wert ist, wenn er nicht automatisch zum Aufstieg führt. In Aue richteten sich zudem lautstarke Sprechchöre gegen den NOFV. Der Druck dürfte in den kommenden Wochen weiter steigen. Die beteiligten Fanszenen haben bereits angekündigt, ihre Aktionen bundesweit fortzusetzen. Damit verschiebt sich die Lage für die Verbände: Sie müssen nicht mehr nur ein Reformmodell erklären, sondern auch begründen, warum trotz jahrelanger Debatten noch immer keine Lösung existiert.

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