So überzeugend hatte Hansa Rostock in dieser Saison über weite Strecken noch nicht gespielt. Umso schmerzhafter fiel das 1:1 gegen den SV Wehen Wiesbaden aus: Die Kogge hatte die Partie im Griff, führte verdient und gab den ersten Heimsieg anschließend doch noch aus der Hand. Entscheidend war aus Sicht der Rostocker nicht fehlende Qualität, sondern die Konsequenz in jener Phase, in der das Spiel hätte entschieden werden können.
Carstens fordert mehr Härte in den entscheidenden Momenten
Florian Carstens suchte nach dem Abpfiff nicht lange nach Ausreden. Für den Innenverteidiger liegt der nächste Entwicklungsschritt vor allem in der Bereitschaft, einen Vorsprung mit aller Macht zu verteidigen. Die Mannschaft müsse sich noch stärker füreinander aufopfern und eine Führung im Zweifel auch einmal „wie Schweine verteidigen“, wird Carstens von der „Bild“ zitiert. Genau diese Widerstandskraft fehlte Rostock gegen Wiesbaden in der Schlussphase.
Dabei hatte zuvor vieles für einen gelungenen Heimnachmittag gesprochen. Carstens und Trainer Daniel Brinkmann bewerteten insbesondere die erste Hälfte als die bislang stärkste der Saison. Hansa kontrollierte das Geschehen, hielt den Gegner weitgehend vom eigenen Tor fern und diktierte über längere Phasen Tempo und Richtung der Partie. Nur die Belohnung ließ zunächst auf sich warten.
Wallner trifft, doch Hansa verliert seine Linie
Acht Minuten nach Wiederbeginn fiel schließlich das verdiente 1:0. Nach einer Ecke setzte sich Lukas Wallner durch und köpfte den Ball in der 53. Minute ins Netz. Dass der Treffer nach einem ruhenden Ball fiel, passte ins bisherige Saisonbild. Acht der bislang elf Rostocker Tore entstanden nach Standardsituationen. Eigentlich hätte die Führung der Startschuss für die nächste Druckphase sein sollen. Stattdessen veränderte sich das Spiel. Hansa wurde vorsichtiger, überließ Wiesbaden zunehmend Räume und verlor jene Aktivität, die den Gegner zuvor vor große Probleme gestellt hatte.
Brinkmann störte vor allem die unmittelbare Reaktion auf das 1:0. Gerade in den „fünf bis zehn Minuten“ danach hätte er seine Mannschaft weiterhin offensiv und bestimmend sehen wollen. Doch Rostock zog sich zurück. Und Wiesbaden bemerkte, dass an diesem Nachmittag doch noch etwas möglich war.
Ein freier Stehle bestraft Rostocks Passivität
Je länger die Partie dauerte, desto mehr näherte sich der SVW dem Ausgleich. In der 83. Minute folgte die Quittung: Simon Stehle bekam zu viel Platz und traf zum 1:1. Marco Schuster fiel für die Entstehung des Gegentreffers nur eine passende Beschreibung ein. Es sei schlicht „zu billig“ gewesen, wie Hansa den Vorsprung aus der Hand gegeben habe. Auch Brinkmann konnte seinen Ärger kaum verbergen. Dass seine Mannschaft zwei Heimspiele nicht für sich entscheiden konnte, ärgere ihn „kolossal“. Gerade diesmal schmerzte der Punktverlust, weil Rostock über weite Strecken gezeigt hatte, wie dominant die Mannschaft auftreten kann.
Das Problem lag weniger darin, Chancen auf eine Führung zu kreieren. Es bestand darin, nach dem eigenen Treffer weiterhin den Mut zu behalten, das Spiel aktiv zu kontrollieren.
Die Null bleibt für Hansa eine offene Baustelle
Zum verpassten Sieg kommt eine Serie, die zunehmend auffällt. Seit dem 0:0 in Schweinfurt am 18. April der Vorsaison wartet Hansa in der 3. Liga auf ein Spiel ohne Gegentreffer. Carstens machte deutlich, dass eine weiße Weste selbstverständlich zum eigenen Anspruch gehöre. Entscheidend bleibe für ihn jedoch etwas anderes: „Am Ende geht es aber um Punkte.“
Genau deshalb wiegt der Wiesbadener Ausgleich schwer. Hansa zeigte über lange Strecken, dass spielerische Kontrolle und defensive Stabilität vorhanden sind. Was noch fehlt, ist die Fähigkeit, diese Überlegenheit bis zum Schlusspfiff durchzuziehen. Schuster formulierte die Aufgabe entsprechend klar. Genau darin liege nun „der nächste Schritt“, den die Mannschaft machen müsse.
Für Rostock bleibt damit ein widersprüchlicher Nachmittag zurück. Die möglicherweise beste Halbzeit der bisherigen Saison liefert Argumente für Optimismus, das Ergebnis dagegen Stoff für Selbstkritik. Will Hansa aus guten Auftritten künftig Siege machen, muss die Kogge nach einer Führung nicht weniger, sondern konsequenter Fußball spielen.



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