Der Streit um das Stadion an der Grünwalder Straße flammt erneut auf. Zwischen den Fanlagern des TSV 1860 München und des FC Bayern München ist eine symbolträchtige Debatte entbrannt, die weit über Banner und Sprechchöre hinausgeht. Es geht um Identität, Tradition und die Frage, wem dieses Stück Fußballgeschichte wirklich gehört.
Ein Banner als Auslöser
Was sich seit Jahren unterschwellig anbahnt, entlud sich jüngst sichtbar auf den Tribünen. Beim Heimspiel des Rekordmeisters gegen Eintracht Frankfurt präsentierten Anhänger der Münchner Südkurve ein großflächiges Transparent mit klarer Botschaft. Sinngemäß forderten sie, das Stadion an der Grünwalder Straße nicht exklusiv den Löwen zu überlassen und positionierten sich deutlich gegen mögliche Pläne rund um eine langfristige Bindung des Stadions an 1860.
In der Wortwahl griffen sie dabei auf eine Bezeichnung zurück, die im Bayern-Umfeld seit Längerem kursiert: „HGK“, kurz für die in Fankreisen etablierte Umbenennung des Stadions. Damit sollte unterstrichen werden, dass auch die zweite Mannschaft der Bayern dort regelmäßig aufläuft und man das Stadion keineswegs kampflos aufgeben wolle.
Die Reaktion der Westkurve
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Beim darauffolgenden Heimspiel der Löwen gegen Hansa Rostock hüllte sich die Westkurve zunächst in dichten Rauch, dann folgte die klare Erwiderung auf Stoffbahnen. Die Botschaft zielte direkt auf den Stadtrivalen: Wer seine Heimstätten mehrfach verlagert habe oder Arenen mit neu erfundenen Namen bespiele, werde niemals echte Heimat und Identität entwickeln.
Die Provokation war bewusst formuliert, einzelne Worte farblich hervorgehoben. Gemeint waren unter anderem die Allianz Arena, der FC Bayern Campus sowie jüngst auch der Sportpark Unterhaching, wo Bayern-Teams ebenfalls aktiv sind. Aus Sicht vieler Löwen-Anhänger stehen diese Orte zwar für moderne Infrastruktur, jedoch nicht für gewachsene Fußballkultur.
Hintergrund: Verhandlungen mit der Stadt
Im Kern dreht sich die aktuelle Auseinandersetzung um Gespräche zwischen dem TSV 1860 München und der Stadt München. Oberbürgermeister Dieter Reiter hatte dem Traditionsklub ein Modell in Aussicht gestellt, das dem Verein langfristige Planungssicherheit verschaffen könnte. Eine solche Lösung würde die Bindung der Löwen an das Stadion weiter festigen.
Dass dies in der Südkurve des Stadtrivalen aufmerksam verfolgt wird, überrascht kaum. Schließlich nutzt auch die U21 des FC Bayern die traditionsreiche Spielstätte für ihre Heimpartien. Für die Anhänger der Roten ist das Stadion daher ebenfalls Teil der eigenen Geschichte, wenn auch in anderer Ausprägung.
Mehr als nur Fußball
Was auf den ersten Blick wie eine typische Rivalität zweier Fanlager wirkt, ist in Wahrheit Ausdruck tiefer liegender Fragen. Wem gehört Tradition? Wer definiert Heimat? Und wie viel Identität steckt in Beton, Tribünen und einem Namen? In den vergangenen Wochen ist deutlich geworden, dass es nicht allein um Pachtverträge oder Nutzungskonzepte geht.
Das Stadion an der Grünwalder Straße ist Projektionsfläche für Emotionen, Erinnerungen und Selbstverständnis. Solange diese Fragen ungeklärt bleiben, dürfte auch der Schlagabtausch zwischen Südkurve und Westkurve weitergehen. Am Ende zeigt sich einmal mehr, dass Fußball in München nicht nur auf dem Rasen entschieden wird. Manchmal sind es Banner und Botschaften, die das Derby-Gefühl neu entfachen.
