Start Vereine Alemannia Aachen Die unterschätzte Story der Saison trägt Schwarz-Gelb

Die unterschätzte Story der Saison trägt Schwarz-Gelb

Am Tivoli ist die Euphorie zurück, doch der Sommer stellt die eigentliche Bewährungsprobe erst noch bevor. Alemannia Aachen hat sich als Aufsteiger aus dem Schatten des Abstiegskampfs in die obere Tabellenhälfte gespielt und damit eine der markantesten Wendungen der Drittliga-Saison hingelegt. Ausgerechnet der Spieler, der diesen Lauf am stärksten verkörperte, ist für den nächsten Schritt allerdings nicht mehr da.

Der Sommer beginnt mit einer Lücke

Alemannia Aachen zählt in diesen Wochen zu den spannendsten Klubs der 3. Liga. Nicht, weil der Verein von ganz oben kommt. Auch nicht, weil er eine Krisensaison verwalten müsste. Sondern weil sich am Tivoli beides überlagert: echter Aufbruch und ein schmerzhafter Verlust. Denn während sich das Umfeld an eine Rückrunde erinnert, in der aus einem gefährdeten Aufsteiger eine Mannschaft mit Zug nach vorn wurde, ist die zentrale Figur dieser Entwicklung schon wieder Geschichte. Lars Gindorf kehrt nach seiner Leihe zu Hannover 96 zurück und wird in der Saison 2026/27 wieder für den Verein auflaufen.

Für Aachen endet damit nicht einfach nur ein gelungenes Kapitel. Es reißt die größte sportliche Lücke genau in dem Moment auf, in dem aus einer guten Geschichte ein belastbares Projekt werden soll.

Als Selimbegović die Statik veränderte

Der eigentliche Umschwung begann nicht im Frühjahr, sondern deutlich früher. Anfang November übernahm Mersad Selimbegović in Aachen und band sich bis 2027 an den Klub. Was danach folgte, veränderte die Saison grundlegend. Der DFB bewertete den Effekt dieses Trainerwechsels später als den prägendsten der Liga. Tatsächlich spricht die Entwicklung für sich: Aachen arbeitete sich von Rang 15 bis auf Platz sieben vor.

Noch im Winter steckte die Alemannia tief im Tabellenkeller, vor dem Saisonende stand plötzlich eine Mannschaft da, die 64 Punkte gesammelt hatte und ihre Rolle in der Liga neu definierte. Für einen Aufsteiger ist das weit mehr als ein ordentlicher Klassenerhalt. Es ist eine Verschiebung der Maßstäbe. Was zuvor nach einer Saison des Überlebens aussah, wurde Schritt für Schritt zu einem Jahr, das im Klub neue Erwartungen freilegte.

Gindorf und Schroers machten aus Stabilität Wucht

Die neue Ordnung bekam schnell ein Gesicht. Oder genauer gesagt zwei. Lars Gindorf spielte eine Saison, die statistisch herausragt. 28 Tore bedeuteten einen neuen Drittliga-Rekord, dazu kamen allein in den letzten fünf Partien noch einmal acht Treffer. Diese Zahlen stehen nicht nur für Konstanz, sondern auch für eine Wucht, die Spiele kippen konnte, als Aachen längst mehr wollte als bloß sichere Distanz zur Abstiegszone.

Neben ihm lieferte Mika Schroers mit 21 Treffern ebenfalls außergewöhnlich ab. Gemeinsam formten beide das treffsicherste Offensivduo der Ligageschichte. Genau diese Dimension erklärt die besondere Stimmung rund um den Tivoli. Aachen gewann in der Rückrunde nicht nur Punkte, sondern Präsenz. Der Klub wirkte plötzlich wie eine Mannschaft, gegen die man sich erst einmal behaupten musste.

Gute Signale neben dem Platz, harte Aufgaben darauf

Dass der Verein wirtschaftlich stabile Töne sendet, passt ins Bild dieses Sommers. Anfang Juli präsentierte Aachen mit Universal Polythex einen neuen Haupt und Trikotsponsor für die Saison 2026/27. Das stärkt den Eindruck, dass sich rund um die Mannschaft etwas konsolidiert. Doch gerade deshalb richtet sich der Blick noch stärker auf die sportliche Seite. Die einfache Frage ist längst beantwortet: Ja, Aachen hat 2025/26 eine starke Saison gespielt. Die interessantere beginnt erst jetzt. Kann der Klub den Schwung aus einem Ausnahmehalbjahr verstetigen, obwohl der auffälligste Unterschiedsspieler nicht mehr da ist?

Selimbegović hat dem Team Struktur gegeben, Selbstvertrauen erzeugt und aus einer gefährdeten Konstellation eine Mannschaft mit klarer Kontur geformt. Das Umfeld trägt diesen neuen Ton mit. Aber Projekte werden im Fußball nicht daran gemessen, ob sie einmal überraschen. Sie werden daran gemessen, ob sie nach einem Erfolg den schwierigen zweiten Schritt schaffen.

Warum ausgerechnet jetzt alle Entscheidungen größer wirken

Aachen steht deshalb vor einer Saison, in der Platz sieben zugleich Rückenwind und Prüfstein ist. Der Klub hat sich Kredit erarbeitet, auch weil die Rückrunde mehr war als eine vorübergehende Serie. Sie hatte Richtung, Personalität und Wirkung. Genau daraus erwächst aber der Druck, den Abgang von Gindorf nicht nur quantitativ, sondern strukturell zu beantworten. Geht diese Nachfolgeplanung auf, kann aus dem bisherigen Überraschungsteam eine Mannschaft werden, die sich dauerhaft in einer höheren Erwartungszone bewegt.

Misslingt sie, droht die Rückrunde als jenes halbe Jahr in Erinnerung zu bleiben, in dem plötzlich alles passte. Gerade diese Widersprüchlichkeit macht Aachen so interessant. Viel spricht dafür, dass am Tivoli mehr entstanden ist als ein kurzer Lauf. Doch ob daraus ein Modell wird, entscheidet sich nicht an der Euphorie des Frühsommers, sondern an der Qualität der nächsten Antworten.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein