Start Vereine Alemannia Aachen Das Gindorf-Jahr: Wie Aachen aus einer Leihe eine Geschichte machte

Das Gindorf-Jahr: Wie Aachen aus einer Leihe eine Geschichte machte

Foto: Lars Zimmermann

Es gibt Vereine, die eine Saison in der 3. Liga einfach nur überstehen wollen. Und es gibt Alemannia Aachen 2025/26. Als Lars Gindorf Ende August auf Leihbasis von Hannover 96 kam, war das zunächst ein interessanter Transfer, mehr nicht. Neun Monate später steht daraus eine der prägnantesten Geschichten dieser Saison: Rekordtorschütze, Rekord-Offensivduo, Platz sieben und das Gefühl, dass am Tivoli plötzlich wieder deutlich mehr möglich ist als bloßer Klassenerhalt.

Nicht nur angekommen, sondern sofort relevant

Wer als Aufsteiger in der 3. Liga am Ende im gesicherten Mittelfeld landet, hat in der Regel vieles richtig gemacht. Aachen aber hat seine zweite Saison nach der Rückkehr nicht bloß ordentlich gestaltet, sondern ihr einen eigenen Stempel aufgedrückt. 64 Punkte, Rang sieben und eine Entwicklung, die über Monate immer klarer in Richtung obere Tabellenhälfte zeigte, geben diesem Jahr ein anderes Gewicht.

Entscheidend ist dabei nicht allein die Platzierung. Entscheidend ist das Gefühl, das daraus entstanden ist. Der Tivoli wirkte über weite Strecken nicht wie die Bühne eines Teams, das nur irgendwie bestehen will, sondern wie der Ort einer Mannschaft, die sich in erstaunlichem Tempo ein neues Profil erarbeitet hat.

Gindorf machte aus einem Leihgeschäft ein Ligaereignis

Als Lars Gindorf Ende August von Hannover 96 kam, war der Transfer zunächst interessant, aber keineswegs als Saisonerzählung angelegt. Genau das änderte sich mit erstaunlicher Wucht. Schon nach dem 14. Spieltag stand der Angreifer bei zwölf Toren aus nur elf Einsätzen. Aus diesem frühen Lauf wurde am Ende eine historische Marke.

28 Treffer in einer Spielzeit hat in der Geschichte der 3. Liga zuvor niemand erzielt. Gindorf wurde damit nicht nur Aachens Torgarant, sondern zum Rekordtorschützen der gesamten Ligageschichte über eine Saison hinweg. Zahlen dieser Größenordnung sind kein Zufallsprodukt mehr, sondern Ausdruck eines Spielers, der eine Mannschaft in entscheidenden Phasen fast im Alleingang nach vorne ziehen konnte.

Noch eindrucksvoller wird die Dimension im Zusammenspiel mit Mika Schroers. Gemeinsam kam das Duo auf 49 Saisontore und stellte damit das produktivste Offensivgespann, das die Liga je gesehen hat. Das war weit mehr als ein gelungener Lauf zweier Angreifer. Es war ein Offensivpaket, das Aachen regelmäßig Spiele öffnen, drehen und früh entscheiden ließ.

Der Wendepunkt kam nicht im Strafraum, sondern auf der Bank

So spektakulär Gindorfs Zahlen auch sind, sie erklären diese Saison nicht vollständig. Der eigentliche Richtungswechsel setzte ein, als Mersad Selimbegović am 6. November übernahm und einen Vertrag bis 2027 unterschrieb. Bei seinem Amtsantritt stand Aachen auf Platz 15, die Lage war unruhig, die Perspektive deutlich vorsichtiger als wenige Monate später.

Selimbegović brachte vor allem Ordnung. Die Mannschaft wirkte stabiler, klarer in ihren Abläufen und weniger abhängig von Einzelmomenten. Gerade darin lag die eigentliche Stärke dieser Entwicklung. Aachen gewann nicht nur, weil vorne ein Stürmer fast alles traf, sondern weil sich unter dem neuen Trainer Schritt für Schritt ein belastbares Gerüst bildete.

Im Kalenderjahr 2026 wurde diese Veränderung dann auch in der Tabelle sichtbar. Sieben Siege aus den ersten elf Spielen, dazu erstmals vier Drittliga-Erfolge in Serie, ließen aus einem Team aus der Gefahrenzone eine Mannschaft mit Ambitionen im oberen Bereich werden. Der Sprung von Rang 15 auf Platz sieben war deshalb keine flüchtige Phase, sondern das Resultat einer sauber erkennbaren Entwicklung.

Der letzte Spieltag verdichtete alles, was diese Saison ausmachte

Manche Saisonabschlüsse liefern nur ein Endergebnis. Dieser war eine Verdichtung des gesamten Jahres. Beim 6:1 gegen Havelse vor 25.409 Zuschauern zeigte Aachen noch einmal alles, was dieses Team in den vergangenen Monaten getragen hatte: Wucht, Tempo, Spielfreude und ein Stadion, das eine solche Geschichte sofort annimmt.

Gindorf traf dreimal und setzte seinem Jahr mit dem 28. Saisontor den endgültigen historischen Punkt. Gleichzeitig passte das Schützenfest zur Gesamtwahrnehmung dieser Alemannia. Aus einem Klub, der im Winter noch auf einem Abstiegsplatz stand, wurde bis Mai ein Tabellensiebter mit starkem Punktekonto und einer Mannschaft, die in der Liga längst nicht mehr nur als sympathischer Verein wahrgenommen wurde.

Der Sommer stellt Aachen nun vor die eigentliche Bewährungsprobe

Genau deshalb ist die Lage vor der neuen Saison so spannend. Gindorf war nur für ein Jahr ausgeliehen, von Beginn an war klar, dass dieses Modell mit dem Saisonende ausläuft. Für Aachen geht es also nicht bloß um den möglichen Verlust eines Torjägers. Es geht um die Frage, wie man eine Offensivabkürzung ersetzt, die Spiele, Stimmungen und Tabellenbilder geprägt hat.

Der entscheidende Befund dieser Saison fällt dennoch positiv aus. Aachen hat gezeigt, dass der eigene Fortschritt nicht ausschließlich an einem Namen hängt. Es gibt mit Selimbegović einen Trainer mit erkennbarem Plan, es gibt ein Profil im Spiel, und es gibt ein Umfeld, das wieder bereit ist, mehr zu tragen als reine Aufstiegseuphorie. Damit verändert sich auch der Blick auf die kommenden Monate. Der Klub muss nun beweisen, dass aus einem spektakulären Jahr eine stabile Richtung werden kann. Erst dann wird aus dieser Saison mehr als eine herausragende Ausnahme.

Aachen hat 2025/26 nicht nur stark gepunktet, sondern sich in der 3. Liga wieder sichtbar zurückgemeldet. Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung dieser Monate. Die Personalie Gindorf steht symbolisch über dem Sommer, doch die größere Frage lautet, ob der Verein das neu gewonnene Gewicht konservieren kann. Am Tivoli ist der Klassenerhalt jedenfalls nicht mehr die einzige denkbare Messlatte.

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