Am Kaulbachweg wird Geduld nicht gepredigt, sondern eingefordert. Während im Umfeld oft schnell die nächste Talentgeschichte geschrieben wird, setzt der SSV Jahn in seiner Ausbildung weiter auf einen deutlich mühsameren Weg: regionale Verwurzelung, tägliche Arbeit und eine Entwicklung, die Zeit braucht. Christian Martin macht im Saisonrückblick in einem Interview auf der vereinseigenen Homepage klar, warum am Ende nicht nur der perfekte Pass zählt, sondern vor allem Haltung, Widerstandskraft und die Fähigkeit, Rückschläge auszuhalten.
Debüts als Signal, nicht als Ziel
Wenn Eigengewächse wie Jakob Seibold oder Arian Dizdarevic im Jahnstadion auflaufen, ist das für den Nachwuchsbereich weit mehr als ein kurzer Moment der Euphorie. Für die Trainer sei das, so Martin, ein Anlass zu großem Stolz. Zugleich ordnet er die Debüts bewusst ein. Der erste Einsatz bei den Profis sei eben nur der Anfang.
Dass in den vergangenen fünf Jahren fast 20 Spieler aus dem Jahn-Nachwuchs im Profibereich debütierten, wertet Martin als Beleg dafür, dass das Leistungszentrum „auf einem sehr guten Weg“ sei. Entscheidend bleibe aber, ob sich diese Spieler anschließend auch festsetzen. Genau darauf richte sich die Arbeit am Kaulbachweg.
Entwicklung vor Statistik
Im Grundlagenbereich von der U11 bis zur U14 steht nicht die Tabelle im Mittelpunkt, sondern die Frage, ob ein Spieler das Spiel besser versteht. Martin beschreibt die Entwicklung eines jungen Fußballers über drei Schritte: Wahrnehmung, Entscheidung und Umsetzung. Also sehen, erkennen, handeln. Messbar sei das nur bedingt. Gerade deshalb vertraue man stark auf das Trainerauge und auf das Empfinden der Spieler selbst. Wenn ein Nachwuchsspieler merkt, dass sein Passspiel sauberer wird, Lösungen schneller kommen und Aktionen häufiger gelingen, ist das für Martin ein klarer Fortschritt, auch ohne nackte Zahlenkolonnen.
Wenn Ergebnisse zählen, aber nicht alles entscheiden
Spätestens ab der U15 steigt der Druck. Mehr Training, Internat, stärkere Ligen, mehr Ergebniszwang. Genau dort liege, wie Martin sagt, die „Kernfrage“ jedes Jugendtrainers: Ist er Mannschaftscoach oder Individualtrainer? Seine Antwort fällt eindeutig aus. Er müsse beides sein. Der Jahn wolle Spiele gewinnen, daran lasse Martin keinen Zweifel. Die individuelle Entwicklung dürfe aber „niemals als Alibi“ dienen, wenn Resultate ausbleiben. Gleichzeitig sollen strategische Entscheidungen nicht davon abhängen, wer am Wochenende kurzfristig Punkte garantiert. Der Blick gehe immer auf das langfristige Potenzial.
Viel Lob für U15 und U16, starke U17 mit bitterem Ende
Für die U15 und U16 zieht Martin insgesamt eine positive Bilanz. Beide Teams hätten sauber gearbeitet, auch wenn die Saisonphasen unterschiedlich verliefen. Die U16 zahlte zunächst Lehrgeld, stabilisierte sich später aber merklich. Dass zum Schluss etwas der Anschluss verloren ging, erklärt Martin auch mit dem frühen Hochziehen wichtiger Spieler in die U17. Bei der U15 war die Kurve unruhiger. Einer starken Vorrunde folgte eine kompliziertere Rückrunde, in der Verletzungen und personelle Verschiebungen spürbar wurden. Trotzdem habe sich die Mannschaft am Ende wieder gefangen.
Besonders viel Substanz erkennt Martin in der U17. Der Jahrgang bestätigte seine Qualität sportlich mit Platz eins in der Hauptrundengruppe. Dass die Qualifikation für die A-Runde um die Deutsche Meisterschaft am Ende knapp verpasst wurde, schmerzt deutlich. Martin hält sogar fest, dass in diesem Jahrgang noch mehr möglich gewesen wäre. Die Erdung der Spieler komme allerdings von selbst, denn der Sprung in die U19 stelle „alles sofort wieder klar“, körperlich und sportlich.
Die U19 zahlt bewusst einen Preis
Am deutlichsten fällt die Analyse bei der U19 aus. Mit dem letzten Platz in der B-Gruppe sei man „absolut nicht zufrieden“. Martin sieht das Problem weniger in fehlender grundsätzlicher Qualität als in mangelnder Konstanz. Einzelne starke Spiele gegen namhafte Gegner hätten gezeigt, dass das Team durchaus mithalten kann.
Dennoch benennt er strukturelle Gründe. In der U19 treffen erstmals zwei Jahrgänge aufeinander, gleichzeitig rücken die größten Talente früh in die U21 oder sogar zu den Profis. Dadurch fehlt es in der Breite. Andere Nachwuchsleistungszentren würden solche Lücken mit externen Spielern schließen. „Das ist nicht unser Weg“, sagt Martin deutlich. Der Jahn bleibe bewusst bei seinen ostbayerischen Spielern, auch wenn das sportlich mitunter teuer werde.
Ohne Psyche und Physis geht nichts
Gerade in schwierigen Phasen sieht Martin den Ausbau des sportpsychologischen und athletischen Bereichs als Schlüsselfaktor. An dieser Stelle dürfe man „auf gar keinen Fall sparen“. Für ihn sind Physis und Psyche die entscheidenden Größen, um junge Spieler auf den Herrenfußball vorzubereiten.
Die Arbeit des Teams im Hintergrund beschreibt er als Herzstück der Individualisierung. Nicht große Schlagzeilen, sondern tägliche Begleitung, Stabilisierung und Belastungssteuerung sorgen aus seiner Sicht dafür, dass Talente auch durch sportliche Krisen tragfähig bleiben.
U21 als Härtetest auf dem Weg nach oben
Auch bei der U21 bleibt Martin im Urteil nüchtern. Der Klassenerhalt sei am Ende geschafft worden, mit dem Tabellenplatz könne man aber nicht zufrieden sein. Vom Potenzial her habe die Mannschaft in die Top 4 der Bayernliga gehört. Umso höher bewertet er, wie die Mannschaft und Trainer Christoph Jank in der entscheidenden Phase mit dem Druck umgingen. Als es ernst wurde, sei das Team ruhig geblieben. Genau diese Widerstandsfähigkeit mache den Wert solcher Monate für die Entwicklung junger Spieler aus, auch wenn Martin auf weitere Zitterpartien dieser Art gern verzichten würde.
Mehr als Fußball
Dass Spieler die Jahnschmiede verlassen, versteht Martin als normalen Teil des Weges. Wichtiger als jede offizielle Verabschiedung ist für ihn, was die Spieler aus dieser Zeit mitnehmen. Der Anspruch endet nicht beim sportlichen Niveau. Wenn aus Nachwuchsspielern nicht nur gute Fußballer, sondern „charakterstarke, gestandene Männer“ werden, dann sei die Ausbildung gelungen. Dieser Gedanke zieht sich durch Martins gesamten Rückblick. Ausbildung heißt beim Jahn eben nicht nur fördern, sondern prägen.
Ein klares Signal nach innen
Die interne Trainerlösung mit Lukas Baumer und Co-Trainer Daniele Luggisi für die U21 versteht Martin als bewusstes Zeichen. Die Botschaft sei „glasklar“: Einsatz, Identifikation und harte Arbeit werden im Verein gesehen und belohnt. Genau damit beschreibt der Nachwuchsleiter letztlich auch das Selbstbild des Leistungszentrums. Nicht der schnelle Effekt soll die Richtung vorgeben, sondern Verlässlichkeit, Geduld und ein klarer Glaube an den eigenen Weg.
Das macht den Prozess oft mühsam. Für den Jahn ist es aber genau dieser Weg, der Talente tragen soll, wenn der Jugendfußball irgendwann endet und der Profialltag beginnt.
